Vorwort
Manche Gedichte der deutschen Literatur sollte man schon kennen. Oder zumindest wissen, worum es geht.
Ich wollte noch einen Schritt weiter gehen: Bestenfalls wäre ich in der Lage, ein Gedicht vollständig zu rezitieren. Und das nicht nur kurzfristig, sondern auch längerfristig.
Langzeitwissen und Anki sind bei mir stark verknüpft. Ich nutze das Karteikartensystem täglich, um Dinge für die Uni oder die Arbeit zu lernen, aber auch um mein Allgemeinwissen zu stärken. Dafür habe ich (unter anderem) ein großes Deck, wo verschiedenste Dinge zusammengefasst sind - seien das kleine Code Snippets die ich immer wieder nutze, Geografie-Fakten (Wo liegt Namibia? Und was ist die Hauptstadt von Namibia?) oder auch mathematische Fakten (wie genau lautet das dritte Zermeno-Fraenkel-Axiom?). Einen messbaren Wert hat das Lernen dieser Fakten nicht, aber ich habe Spaß daran. Entsprechend wiederhole ich sie mithilfe des “Spaced Repetition”-Ansatzes von Anki, und bin dabei meiner Meinung nach durchaus erfolgreich.
Also: Vielleicht klappt Spaced Repetition Lernen ja auch mit einem Gedicht?
Mein Setup
Das Experiment-Gedicht war der Zauberlehrling von Goethe. Ich wusste natürlich schon vorher in etwa, worum es geht, und mir ist auch das daraus entstandene Sprichwort sehr geläufig: “Die Geister die ich rief, werde ich nicht mehr los”. Aber den Text, exklusive der ersten drei Zeilen, konnte ich noch nie wiedergeben. Also, Zeit wird’s.
Anki hat ein Plugin mit dem Namen Poetry Cloze Generator. Basierend darauf habe ich das gesamte Gedicht in etwa 100 Karteikarten verwandelt, die mir nach und nach das gesamte Gedicht beibringen sollten.
Die Konfiguration des Plugins habe ich im Wesentlichen auf den Standard-Einstellungen belassen: Ich bekomme zwei Zeilen angezeigt und muss die nächsten zwei Zeilen rezitieren.
Nur eine Änderung war nötig: Der erste Refrain kommt doppelt vor; hier kann ich also zwischen dem Beginn der zweiten und dritten Strophe nicht unterscheiden. Also habe ich auf den beiden relevanten Karten ein “(Start Strophe 2)” bzw. “(Start Strophe 3)” ergänzt.
Mein Lernfortschritt
Ich lerne lieber langsam, dafür aber stetig. In den typischen Einstellungen meines Allgemeinwissen-Decks bekomme ich also täglich nur eine neue Karte vorgesetzt, wiederhole aber zusätzlich alles was noch zu wiederholen ist. Mit diesem Setup habe ich etwa vier Monate1 gebraucht, um das gesamte Gedicht durchzubekommen (dafür war der Arbeitsaufwand pro Tag verschwindend gering: Typischerweise unter zwei Minuten2). Jetzt bin ich aber durch, und ich kann sagen: Ich kenne das Gedicht jetzt, und kann es auch frei heraus jederzeit aufsagen. An zwei Stellen hapert es noch, da das Gedicht dort sehr änlich ist (“Will ihn fassen” bzw. “will dich fassen”); die entsprechenden Karteikarten haben noch eine recht hohe Wiederholungs-Frequenz. Der Rest geht aber gut, und der tägliche Aufwand ist schon wieder sehr klein3
Fazit
Gedichte lernen mit Anki geht erstaunlich gut. Anhand dieser Erfahrung ist jetzt der Erlkönig dran, und ich bin schon am Überlegen was ich als nächstes lernen möchte.
An Tagen wo ich nicht sehr motiviert bin, lerne ich einfach keine neuen Karteikarten; daher war der Aufwand länger als tatsächlich 100 Tage. ↩︎
Diese zwei Minuten gelten für den Zauberlehrling. Weitere wenige Minuten benötige ich jeweils für Geographie, Mathematik, Coding-Stuff und Arbeits-Stuff; so komme ich täglich durchschnittlich um die 15 Minuten Aufwand. ↩︎
Klein ist hier relativ zu verstehen: Der größte Aufwand waren 20 Wiederholungen am Tag, wobei jede “falsche” Karte dabei mindestens drei der 20 Wiederholungen gestellt hat. ↩︎